Ferien in Tunesien

Tagebuch

Samstag, 23.9.00

Die Vorfreude ist gross, die Koffer gepackt, sämtliche Reiseunterlagen schon im Handgepäck verstaut. Was jetzt noch folgt, ist Ronja, unsere samtpfotige Tigerin, möglichst „schmerzlos“ ins Transportkistchen zu verfrachten. Prompt erkennt sie etwas zu früh unsere Absicht und verschwindet im oberen Teil des Hauses. Als wir auch sie ins dorfeigene Tierheim „Blacky“ für einen Ferienaufenthalt abgegeben haben, kann's losgehen.


Schwer beladen müssen wir ausgerechnet heute vom Zug in Belp in Busse bis Kehrsatz umsteigen. Kurz vor 13 Uhr erreicht unser Zug den Flughafen Zürich-Kloten. Wir stärken uns mit leckeren Sandwiches aus der dortigen Bäckerei und geniessen den „Duft der grossen weiten Welt“.

Pünktlich sitzen wir um 16.30 Uhr in unserer MD 83, rollen zur Startbahn und müssen uns dort noch einige Minuten gedulden, bis der Kapitän das OK zum Start erhält. Der Flug dauert 1 Std. 50 Min. und wir landen auf dem Flughafen Habib Bourguiba in Monastir um 17.40 Uhr Ortszeit, bei schönstem Wetter und einer Aussentemperatur von 25 Grad.

Eine ganze Reihe von Bussen wartet vor dem Flughafengebäude auf die ankommenden Gäste. Wir finden den unsrigen, der uns nach längerer Wartezeit zu unserem Hotel „Hill Diar“ in Sousse bringt. Inzwischen ist es dunkel geworden. Der erste Eindruck des „Hill Diar“ ist erfreulich und wir nehmen an der Reception unsere Bungalow-Schlüssel in Empfang. Der uns begleitende (und gottlob auch koffertragende) Portier hat dann allerdings seine liebe Mühe, unsere beiden Bungalows zu finden. Kreuz und quer laufen wir ihm durch die Anlage hinterher, bis er dann doch endlich fündig wird und mit einem verlegenen Lächeln sein Trinkgeld in Empfang nimmt. Unsere beiden Bungalows liegen nicht weit voneinander und verfügen über je drei eingemauerte Betten mit einer relativ dünnen Matraze (was unsere Knochen noch zu spüren bekommen sollten), einen Einbauschrank mit offenen Tablaren und drei fast nur mit Brachialgewalt aufzukriegende Schubladen, eine Ablage mit Spiegel, Dusche und WC sowie einen Gartensitzplatz mit einem Tisch und drei Stühlen. Der Unterschied zur vorher doch eher luxuriös anmutenden Hotelempfangshalle ist eher krass und wir beschliessen, uns vorerst dem Kulinarischen in Form eines Buffets hinzugeben. Später entdecken wir einen Mini-Zoo mit Eseln, Gänsen, Enten, Meerschweinchen, Schildkröten, Schafen und Ziegen sowie mehrere Volieren mit teils exotischen Vögeln. Daneben spazieren ganze Pfauenfamilien durchs Gelände und jede Menge Katzen huschen allüberall umher. Jede Katze kriegt von Andrea fortan einen Namen, aber zwischen einer Katze namens „Nicki“ und ihr ist es Liebe auf den ersten Blick.

Sonntag, 24.9.00

Schmerzende Knochen und Gelenke sowie das Geschrei eines Esels und lautstarkes Diskutieren von Leuten wecken uns in aller Herrgottsfrühe. Wir haben das Gefühl, schlecht geschlafen zu haben und somit ist die Laune nicht die allerbeste. Das Frühstücksbuffet vermag sie auch nicht wesentlich anzuheben. Nun schauen wir uns mal die Hotelanlage näher an und stellen fest, dass sie sehr weitläufig und wunderschön bepflanzt ist.

Nun zieht es uns aber an den Strand. Feinster, ganz heller Sand und ein recht warmes Meer erwarten uns und wir verbringen den ganzen restlichen Tag mit schwimmen, sonnenbaden, lesen und Volleyballspielen. Unseren Hunger stillen wir in einem Strandbeizli, ca. 10 Fussminuten Richtung Sousse, mit recht guter Pizza.

Nachdem wir am späten Nachmittag auch noch den Pool ausprobiert haben, fallen einige wenige Regentropfen. Zeit, unter die Dusche zu gehen. Schon bald sitzen wir daraufhin beim Abendessen und später fahren wir ohne Thierry, der sich einen Sonnenbrand an den Beinen eingefangen hat, per Taxi nach Port el Kantaoui. Unser Rundgang führt uns durch den Yachthafen mit 320 Liegeplätzen, der sich als Winterquartier vieler Segler grosser Beliebtheit erfreut. Umschlossen wird das Hafenbecken von den „Maisons de la Mer“, verschachtelten Appartementhäusern, Geschäften und Restaurants nach maurischem Vorbild mit einem etwas kitschig wirkenden Stadttor als Eingang.

Im Zentrum des Städtchens verweilen wir bei einem grossen Springbrunnen mit Wasserspiel und lauschen der dazu erklingenden Musik.

Montag, 25.9.00

Morgens nehmen wir an der Informationsveranstaltung unserer Reiseleiterin teil, wo wir einige nützliche Tipps erfahren. So z.B., dass eine 5-köpfige Familie zwei gelbe Taxis nehmen muss, um irgendwohin zu gelangen, da die Taxifahrer höchstens 4 Personen (Kinder werden nicht als halbe Personen gezählt) aufnehmen dürfen. Bei den sehr günstigen Preisen fällt dieser Punkt jedoch kaum ins Gewicht, bezahlt man doch für die Fahrt vom Hotel bis ins Stadtzentrum von Sousse höchstens 2 Dinar (1 TND entspricht ca. 1,25 Sfr.).

Anschliessend halten wir nach zwei Taxis Ausschau, die laufend vorbeifahren und die man mit Handzeichen herbeiwinkt, und lassen uns ins Zentrum von Sousse chauffieren. Die Stadt zählt über 100'000 Einwohner und ist die drittgrösste Stadt des Landes überhaupt. Ausserdem verfügt Sousse nicht nur über den bedeutendsten Hafen und ist Industriestandort des nördlichen „alten Sahel“, sondern sie ist auch Mittelpunkt der grössten tunesischen Touristenregion, die sich zwischen Port el Kantaoui und Monastir erstreckt. Kern von Sousse ist die ca. 700 m x 500 m grosse, am Hang gelegene und vollständig ummauerte Medina, an deren Fuss sich der Hafen erstreckt. Nördlich von Medina und Hafen dehnt sich die Neustadt mit der Hauptstrasse Av. Habib Bourguiba aus, die wiederum auf die Strandpromenade trifft. Dort beginnt die Hotelzone, die sich über ca. 10 km bis nach Port el Kantaoui zieht, innerhalb der sich auch unser Hotel befindet.

Wir schlendern durch die Souks und lassen uns von den vielen Händlern, die natürlich allesamt ein Geschäft tätigen möchten, nicht allzusehr beeindrucken. Allerdings kann man sich selten in Ruhe etwas näher anschauen und man sollte schon gar nie nach dem Preis fragen. Es ist ratsam, sich zuerst zu entschliessen, einen bestimmten Gegenstand überhaupt kaufen zu wollen, um dann mit dem Händler mit Feilschen zu beginnen. Zwischendurch trinken wir auf der Dachterrasse eines Cafés mit Sicht über die Stadt bis ans Meer den typischen süssen, heissen Pfefferminztee. In der Medina lassen wir uns später ein schmackhaftes Thonsandwich (gewürzt mit Harissapaste aus Paprikaschoten, Tomatenpüree und verschiedenen Gewürzen) zubereiten.

Auch baden im Meer und am Pool gehört noch zu diesem Tag. Das Nachtessen geniessen wir heute in einer Pizzeria nicht weit von unserem Hotel entfernt und wir beschliessen den Tag mit einem abendlichen Bummel bis nach Sousse.

Dienstag, 26.9.00

Heute morgen eröffnen wir ein gut besuchtes privates Krankenlager. Nachdem Jean-Claude schon am Sonntag und Thierry am Montag über Bauchkrämpfe und Durchfall geklagt haben, ist heute die Reihe an mir. Schon während der Nacht rebellierten meine Eingeweide und so ist für den heutigen Tag Schonung angesagt. Die Wege führen nicht weiter als bis an den Strand und den Pool.

Abends buchen wir beim ansässigen Reisebüro eine 3-tägige „Saharienne“, die uns in den Süden des Landes führen wird. Abreisetag ist der nächste Samstag.

Mittwoch, 27.9.00

Ohne die Jungs, dafür mit Andrea, reicht die Kraft doch schon wieder, so richtig ausgiebig durch die betriebsamen Souks von Sousse zu bummeln. Im ältesten Teil des Marktviertels, den gedeckten Souks, haben heute vor allem Souvenirläden des „gehobenen Bedarfs“ ihren Standort. In der Nähe des Hafens befinden sich einfache Einkaufsstrassen für den Alltagsbedarf der Bewohner von Sousse, wo stets reges Treiben herrscht. In der Rue de France gibt es eine Reihe von Essensständen, und an ihrem Ende befindet sich über die Treppen rechts der Zugang zum Lebensmittelmarkt.

Auch heute mittag essen wir in „unserem“ Strandbeizli Pizza, bevor wir die zweite Tageshälfte mehr oder weniger faulenzend am Strand verbringen.

Donnerstag, 28.9.00

Schon um 7.30 Uhr frühstücken wir, denn wir wollen heute einen Ausflug nach Hammamet machen. Zwei Taxis bringen uns ins Zentrum von Sousse und der eine Taxichauffeur reicht uns – nachdem er sich nach unserem Reiseziel erkundigt hat – an einen seiner Kollegen weiter, der uns in sein Louage verfrachtet. Louages sind Sammeltaxis; meist sind es Kombiwagen, vorwiegend Peugeot 404 oder 504, mit sieben Sitzplätzen in drei Reihen. Wir handeln den Preis aus und einigen uns auf 4 Dinar pro Person (was, wie wir später herausfinden, angemessen ist). Dann geht die Fahrt los: erst zur Stadt hinaus, des dichten Verkehrs wegen in gemächlichem Tempo, und dann der Rest der Strecke Bleifuss, d.h. mit 130 Sachen, wobei ihn eine in unserer Fahrtrichtung auf Rot stehende Ampel nicht im geringsten veranlasst, das Tempo zu drosseln. Wir schicken einige Stossgebete gen Himmel und ich schwöre insgeheim, dass ich, sofern wir diese Höllenfahrt schadlos überstehen, nie wieder einen Fuss in ein Louage setzen werde. Trotz allem heil und dankbar entlöhnen wir den Kamikaze-Chauffeur und haben dabei unsere liebe Mühe, ihm klarzumachen, dass wir die Heimfahrt auf eigene Faust planen möchten .Er versichert uns mehrmals, wir würden dann eventuell keine Rückfahrmöglichkeit finden und wir sollten doch auf sein Angebot, uns wieder zurückzubringen, eingehen. Angesichts unserer Erfahrungen, die uns noch in den Knochen sitzen, treffen seine Argumente auf taube Ohren und wir machen uns auf, Hammamet zu erkunden.

Nach einigen Schritten befinden wir uns mitten im Marktgewühl und ehe wir uns versehen, hat ein laut schnorrender Händler jedem von uns ein „Geschenk“ in Form eines Halskettchens in die Hand gedrückt. Er verlangt „nur“ ein Trinkgeld dafür, um ein Bier trinken zu gehen. Die 2 Dinar, die wir ihm für sein Bier geben, weist er empört zurück und verlangt nun gleich ein vielfaches. Wir geben ihm kommentarlos vier der Kettchen zurück und lassen ihn in der Sonne stehen...

Enge, verwinkelte Gässchen durchziehen labyrinthartig die auf einem Landvorsprung gelegene, vollständig von Mauern umgebene, malerische Medina. Die Souks sind ausschliesslich auf Tourismus eingestellt und für die Souvenirs werden zum Teil stark überhöhte Preise gefordert. Von den Bastionen und dem Terrassencafé hat man einen wunderschönen Blick über die Bucht und die Stadt.

Für unseren Rückweg wählen wir als Verkehrsmittel den Bus. Doch wo der Abfahrtsort ist, ob bzw. wann überhaupt einer fährt, darüber gehen die Meinungen der unzähligen Leute, die wir um Auskunft bitten, weit auseinander. Alle sind durchwegs freundlich und hilfsbereit und während sich noch gerade eine weitere Person über diesen Fragen den Kopf zerbricht, fährt ein Bus an die Haltestelle. Zu unserer grossen Erleichterung bestätigt uns der Chauffeur, er fahre tatsächlich nach Sousse.

Auch er brettert wie ein Besessener über die Landstrassen, doch in einem Bus haben wir uns allemal ein wenig sicherer gefühlt, als im Louage...

Freitag, 29.9.00

Wir schalten einen weiteren Ruhetag in der Hotelanlage ein. Einige Regentropfen morgens, begleitet sogar von kurzem Donnergrollen, sowie auch abends vermögen das Badevergnügen im Meer und am Pool nicht einzuschränken.

Beim Abendessen überrascht uns die Auswahl am Buffet: es gibt etliche tunesische Spezialitäten zu kosten wie Couscous mit Kichererbsen, gegrillter Fisch, Brik (gebackene Teigtaschen, gefüllt mit Kartoffeln, Gemüse und Zwiebeln), Felfel (mit Hackfleisch gefüllte Paprikaschoten in Tomatensauce, gewürzt mit Harissapaste), usw.

Diese Mahlzeit hebt sich wohltuend vom europäisch zubereiteten Buffet ab und ist mit Abstand die schmackhafteste seit Ferienbeginn!

Nun geht's noch ans Kofferpacken für die bevorstehende 3-tägige Saharienne, bevor wir uns für eine kurze Nacht auf unseren steinharten Unterlagen einrichten...

Samstag, 30.9.00

Um 5.30 Uhr ist diese Nacht denn auch schon zu Ende und wir gehören zu den ersten Gästen am Frühstücksbuffet.

Um 7 Uhr erwartet uns ein Toyota Landcruiser vor dem Hotel. Wir lernen unseren sympathischen, sehr gut französisch sprechenden Fahrer Hassen und seine Begleiterin Fatima kennen. Der Treffpunkt des gesamten Geländewagenkonvois befindet sich im Zentrum von Sousse. Um ca. 7.30 Uhr trifft auch der letzte der sechs Wagen ein und das Abenteuer kann beginnen.

Nach einer guten Stunde Fahrzeit erreichen wir das römische Amphitheater von El Djem. Es ist eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler von Tunesien und ist ausserordentlich gut erhalten. Der ovale Bau mit seinen drei übereinanderliegenden Bogengängen steht noch etwa zu zwei Dritteln, ist 36 m hoch und der grösste seiner Art in Nordafrika, jedoch wurde er niemals ganz beendet. Früher fanden hier vor allem Wagen- und Hunderennen, Gladiatoren- und Tierkämpfe sowie später Hinrichtungen – meist durch wilde Tiere – statt.

Am Rande von El Djem erblicken wir am Strassenrand etliche Metzgereien, in deren offenen Auslage geschlachtete Tiere kopfüber hängen und lebende gleich danebenstehen, bevor sie das gleiche Schicksal ereilt...

Durch die Weiten des „Grand Sud“ setzt sich unsere Fahrt – zum Teil abseits der Strasse auf Sandpisten - fort bis zur Meeresoase Gabès. Beim Verlassen des klimatisierten Wagens schlägt uns die Hitze erbarmungslos entgegen. Sofort gesellen sich Einheimische zu uns Fremden und „kleben“ uns kleine Chamäleons in verschiedensten Farbtönen an die T-Shirts. Wie erwartet werden die Fotoapparate hervorgeholt und danach ein Trinkgeld einkassiert.

Südlich von Gabès erstreckt sich die Wüstensteppe der Küstenebene Djeffara. Aus dieser steigt die Hochfläche des Dahar hervor, die sich allmählich zum Grand Erg Oriental hin absenkt.

Wir passieren zunächst Nouvelle Matmata. Der um 1960 entstandene Ort mit gut ausgebauter Infrastruktur sollte die Bewohner dazu veranlassen, ihre traditionellen Höhlenwohnungen zu verlassen. Diesem Plan gefolgt sind allerdings vorwiegend nur jüngere Leute.

Einige Kilometer weiter oben wartet ein Junge mit seinem Baby-Dromedar auf Touristen. Er lässt die Touristen das Baby-Dromedar mit der Flasche füttern. Gierig saugt es die Milch ein, währenddessen andere Touristen fotografieren oder filmen. Klar gibt es auch für ihn Trinkgeld.

In einem Höhlenrestaurant im eigentlichen Matmata wird uns ein feines Mittagessen serviert, bestehend aus Brik, gefüllt mit Ei und einem Eintopf aus Couscous mit Kichererbsen, Rindfleischwürfeln und Kürbisgemüse.

Daraufhin können wir die Höhlenwohnung einer Berberfamilie besichtigen. Wohn- und Schlafräume sowie Vorratskammer und Küche sind in verschiedenen Höhlen archaisch eingerichtet. Während wir uns überall umsehen dürfen, wird uns in kleinen Gläsern Tee serviert.

Die Strasse schlängelt sich weiter durch die Berge hinauf zur Ortschaft Tamezret, die wie eine abweisende Festung auf einem Bergrücken liegt.

Die ca. 100 km entfernte Oase Douz erreichen wir auf der neuen Asphaltpiste am späten Nachmittag. In Erinnerung an den jahrhundertealten Karawanenhandel, der bis nach Timbuktu an den Niger führte, besteigen wir am Fusse der Dünen von Zaafrane bereitstehende Dromedare. Vorher legen wir uns eine Djellabah, ein leichtes Uebergewand, um. Zwei bis drei Dromedare werden jeweils zusammengebunden und unsere „Wüstenschiffe“ tragen uns gemächlichen Schrittes hinein in die unendliche Sandwüste Sahara.

Während einer kleinen Pause taucht sofort ein Junge mit einem Fennek auf dem Arm auf und schon wieder läuft alles wie am Schnürchen ab. Andrea findet sich plötzlich mit einem solchen Tierchen im Arm wieder, was wiederum mich zu Fotoaufnahmen verleitet und dem Jungen ein Trinkgeld einbringt. Dasselbe geschieht mit einem Reiter auf seinem Pferd, der seine Kunststücke vollführt.

Fotografieren ist immer mit einer Trinkgeldforderung verbunden.

Die Dämmerung senkt sich schon übers Land, als wir erneut in den Geländewagen steigen und zu unserem Hotel Mehari fahren. Dort geniessen wir in der Dunkelheit vor dem Abendessen ein Bad in einem Schwimmbecken mit warmer Quelle.

Sonntag, 1.10.00

Unsere Fahrer demonstrieren uns heute morgen in eindrücklicher Weise, wie sie mit ihren Geländewagen die Kunst des Sanddünen-Fahrens beherrschen.

Die nächste Oase, die wir besuchen, heisst Nouil. Kaum sind wir dem Wagen entstiegen, sind wir auch schon umringt von vielen einheimischen Kindern, die sofort mit mir und Andrea Kontakt aufnehmen. Die Verständigung ist nicht einfach, sie sprechen nur gebrochen französisch. Dafür strahlen sie eine enorme Herzlichkeit aus, die mich ganz gefangen nimmt. Sie umringen Andrea und streichen ihr abwechselnd über ihr blondes Haar. Eines der bildhübschen Mädchen nimmt immer wieder meine Hand und hält sie fest. Zwischendurch bringen sie uns frisch gepflückte Datteln, die herrlich schmecken. Dann beginnen die drei grösseren Mädchen, alle zwischen 10 und 12 Jahre alt, zu singen, daraufhin machen es ihnen auch die kleineren Kinder nach. Nun fordern sie Andrea und mich auf, ihnen etwas vorzusingen. Währenddessen machen die andern einen Rundgang durch die Oase mit ihren vielen Dattelpalmen. Diese Begegnung mit den Kindern zählt zu einer meiner schönsten während meiner ganzen Ferien.

Das Chott el Djerid liegt auf Höhe des Meeresspiegels und ist das grösste Salzseengebiet der Sahara, eine Unendlichkeit ohne Baum und Strauch. Ein Damm führt mitten hindurch. Der grösste Teil des Chott el Djerid besteht aus salzhaltigem Schlamm, der teilweise vom Wüstensand überweht und teils von einem dünnen Teppich aus Salzkristallen überdeckt ist. Man findet hier weiss-bläuliche Salzkrusten mit wunderschönen Kristallformationen. Hier werden Sandrosen als Souvenir verkauft. In der flirrenden Hitze entstehen Fata Morganas, die wir ausgiebig betrachten.

Bei einer Teepause an der Strasse entdecken wir eine winzig kleine, zugelaufene Katze, die mutterlos umherirrt. Ich gebe dem Besitzer des Cafés einen halben Dinar, um Milch für die Katze zu besorgen, was er mir denn auch zu tun verspricht. Im Gegensatz zu Hunden, die sich in Tunesien keinerlei Beliebtheit erfreuen, geniesst die Katze einen recht hohen Stellenwert. Ob dieses zarte Geschöpf in dieser lebensfeindlichen Umgebung wohl überleben wird?

Vor dem Mittagessen besichtigen wir Tozeur, neben Douz der wichtigste Fremdenverkehrsort im Süden Tunesiens. Die Gebäude weisen eine typische Lehmziegelarchitektur auf, die nur hier in dieser Stadt anzutreffen ist.

Der nächste Programmpunkt ist der Zoo du Desert. Löwen, Gazellen, zwei weisse Dromedare, Affen, Wüstenfüchse, Schakale, eine Hyäne, Vögel, Schlangen und Skorpione werden hier in wenig artgerechter Weise gehalten und vom Zooführer als Unterhaltungsobjekte vorgeführt.

Nun geht die kurze Fahrt zu unserem nächsten Hotel Ras El Aïn mit einem tollen Schwimmbad, welches wir ausgiebig auskosten.

Die nun folgende Kutschenfahrt in die Oase Nefta ist wohl mit Abstand das schlimmste Erlebnis, das wir hatten. Völlig ausgemergelte, entkräftete Pferde werden vor die Kutschen gespannt und mit Stockhieben angetrieben. Selbst auf Asphalt werden sie gezwungen, zu galoppieren und rutschen dann aus, was zum Teil zu kritischen Situationen führt. Die Oase selbst ist ein Gewirr von schattigen Sandwegen inmitten hoher Palmen. Wir kosten verschiedene Sorten Datteln, auch Palmsaft, und schliesslich werden Pfeifen mit „Tabak“ aus Palmenbestandteilen herumgereicht, worauf wir allerdings als Nichtraucher verzichten. Zum Abschluss dieser Kutschenfahrt besichtigen wir die Corbeille, den Talkessel, in dem sich die meisten der 152 Quellen zum Oued (= Fluss) vereinen, dem die Oase ihr Leben verdankt. Am Rande der Oase steht das Hotel Sahara Palace, in welchem Präsident Habib Bourgiba bei seinen Besuchen jeweils residierte.

Wir kehren zurück nach Tozeur und besuchen vor dem Nachtessen das Privatmuseum Dar Cherait, welches im Stil eines vornehmen Wohnhauses des letzten Jahrhunderts errichtet wurde. Die prunkvoll ausgestatteten Räume versetzen den Besucher in die Welt von Tausendundeiner Nacht. Kachelverzierungen und Stuckdekorationen wechseln sich ab mit Möbel, Waffen und Festtagsgewändern; auch die Nachbildung eines türkischen Bades und einer historischen Küche fehlt nicht. Wir wandeln durch einen Märchenpark, der Erzählungen aus 1001 Nacht mit lebensgrossen Figuren vor orientalischer Kulisse thematisiert. Mit der Geisterbahn fährt man sodann durch die Höhle Aladdins, wirft einen Blick auf den Sklavenmarkt und in den Harem und bewundert das Schiff Sindbad des Seefahrers.

Montag, 2.10.00

Der heutige Tag führt uns zu den Bergoasen am Rande der Wüste. Zur Oase Chebika gelangt man via den neuen gleichnamigen Ortsteil. Am Rande des Palmenhains erwarten den Besucher schon zwei Cafés und Souvenirläden. Der Fussweg führt uns den Hang empor durch den alten, oberhalb gelegenen Ortsteil, welcher wegen der schweren Ueberschwemmungen von 1969 aufgegeben werden musste. In einem Bogen gelangt man hinunter zu dem in einer Schlucht gelegenen Palmenhain mit einem kleinen Wasserfall und einer Quelle. Ueber der ganzen Szenerie thronen bizarre Felsformationen.

Kurz vor der Oase Tamerza führt die Strasse über eine kurze Piste, die den Fluss durchquert, und man erreicht – nachdem man einige Souvenirläden erfolgreich hinter sich gelassen hat - einen grösseren Wasserfall, wo auch eine Bademöglichkeit besteht. Nach der Durchfahrt des neuen Ortsteils von Tamerza erblickt man das neue Luxushotel „Tamerza Palace“. Häufig steigen hier Filmcrews ab, die in den gegenüberliegenden, lehmbraunen Ruinen der Altstadt vor der imposanten, ockerfarbenen Bergkulisse ihre Szenen drehen. Dieser alte Ortsteil wurde nach der grossen Ueberschwemmung 1969 von seinen Bewohnern ebenfalls verlassen.

Die Strasse führt ganz nahe an der algerischen Grenze vorbei und wir fahren nun durch das wichtigste Bergbaugebiet von Metlaoui, wo ca. 90 % des tunesischen Phosphats abgebaut werden. Im Untertagebau werden jährlich ca. 5 Mio Tonnen Phosphat gefördert. Die mehrheitlich staatliche Phosphatgesellschaft ist der grösste Industriebetrieb Tunesiens.

Im Zentrum von Metlaoui machen wir einen Mittagshalt.

Ueber Gafsa erreichen wir Kairouan, nach Mekka, Medina und Jerusalem die viertheiligste Stadt des Islam. Das vorgesehene Reiseprogramm schreibt uns nun den Besuch einer Teppichfabrik mit angrenzenden Verkaufsräumen vor. Es wird uns wiederum Tee serviert und wir haben Gelegenheit, ganz viele wunderschöne geknüpfte wie auch gewobene Teppiche in allen Grössen und Farbnuancen zu bewundern. Die Verkaufsvorführung ist heute allerdings, trotz Ankündigung von verschiedensten Preisnachlässen, für die Teppichfabrik nicht lohnend, entscheidet sich doch von unserer Reisegruppe niemand für den Kauf eines Teppichs.

Wir besichtigen die Sidi Oqba-Moschee, der bedeutendste islamische Bau Tunesiens und einer der berühmtesten der gesamten islamischen Welt. Sie ist die älteste Moschee des Maghreb. Als „Ungläubige“ ist es uns allerdings verwehrt, die Moschee von innen zu besichtigen. Als nächstes schlendern wir durch die fast unversehrt erhaltene, ausgedehnte Medina mit den weitläufigen Souks. Dort feilschen wir noch um einen kleinen Fellesel, der Andrea so gefällt, und bezahlen dafür 6 Dinar (auch dies ein angemessener Preis, wie uns Hassen später bestätigt).

Auf der nun folgenden Rückfahrt nach Sousse entschliessen wir uns spontan, „unseren“ Fahrer Hassen nochmals für eine weitere Saharienne in der dritten Ferienwoche zu buchen, dann allerdings privat, ohne Konvoi im Schlepptau.

Dienstag, 3.10.00

Auch in Tunesien kann ein Tag wie in der Schweiz beginnen: grau, trüb, nass und unangenehm kühl. Während wir noch beim Morgenessen sitzen, taucht – nicht ganz unerwartet – Fatima auf und gemeinsam frühstücken wir noch eine Runde weiter. Sie erzählt uns, dass Hassen schon morgens um 5 Uhr eine eintägige Fahrt nach Tozeur antreten musste und während der folgenden 3 Tage schon wieder für eine Saharienne eingeteilt wurde. Wo bleibt da die dringend nötige Ruhezeit, fragen wir uns? Obwohl übermüdete Fahrer ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko darstellen, werden ihnen keinerlei ausreichende Ruhezeiten gewährt, nach dem Motto „Zeit ist Geld“......

Während immer wieder neue Regenschauer übers Land peitschen, verbringen wir den Tag plaudernderweise mit Fatima in der Hotelanlage, bis sie am späten Nachmittag per Taxi zum Flughafen in Monastir fahren muss, um den Rückflug nach Deutschland anzutreten.

Mittwoch, 4.10.00

Der Tag beginnt wettermässig relativ freundlich, bevor sich gegen Mittag die Wolken erneut zu türmen beginnen und der Himmel sich verdunkelt. In „unserem“ Strandbeizli, ca. 1 km von unseren Bungalows entfernt, geniessen wir noch eine gute Pizza, bevor die Regenfront uns erreicht. Als auch nach geraumer Zeit der Regen nicht aufhört, entschliessen wir uns trotzdem zur Rückkehr. Wir starten im Moment, in dem der Regen etwas nachlässt, nur um festzustellen, dass er gleich darauf so richtig niederzuprasseln beginnt. Klitschnass erreichen wir die Hotelanlage und so verbringen wir halt den Rest des Tages spielender-, lesender- und schlafenderweise in unseren Bungalows.

Donnerstag, 5.10.00

Ein Taxi bringt uns frühmorgens ins Zentrum von Sousse, wo wir um 8.08 Uhr den Zug Richtung Tunis besteigen. Der Komfort in diesem Zug überrascht uns, während der Fahrt werden sogar gekühlte Getränke serviert. Nur die sich ewig wiederholende Musik ab Tonband nervt uns zusehends.

Nach 1 ¾-stündiger Fahrt erreichen wir Tunis. Auch hier hat's soeben geregnet, der Himmel ist dunkelgrau, die Pflastersteine glänzen vor Nässe und überall breiten sich grosse Pfützen aus. Mit untrüglichem Instinkt finden wir die Haltestelle der TGM-Schnellbahn, mit welcher wir bis Sidi Bou Saïd fahren. Der Zug ist zum Bersten voll und wir sehen uns von lauter Einheimischen umgeben. Ein alter muslimischer Geistlicher gesellt sich zu uns ins Abteil. Erst nach einiger Zeit glauben wir zu wissen, weshalb sich seine Lippen unablässig bewegen und er ständig auf eine Art Stoppuhr drückt: er scheint Koransuren zu rezitieren. Zwischenhinein deutet er mit unmissverständlichem Kopfnicken gegenüber sitzenden jungen Frauen, sich zu erheben, um neu zusteigenden alten Frauen ihren Sitzplatz zu überlassen. Das funktioniert ohne ein gesprochenes Wort.

Nach etlichen Stationen hält der Zug in Sidi Bou Saïd. Das malerische andalusische Städtchen auf dem über 100 m hohen, zum Meer hin steil abfallenden Cap Carthage zählt zu den meistbesuchten Touristenzielen und gilt als teuerste Wohngegend ganz Tunesiens. Die verzierten Türbogen und Fenstergitter in blauer Farbe ergeben einen wunderschönen Kontrast auf den blendend weissen kubischen Häusern. Sidi Bou Saïd ist Herkunftsort der bekannten blau-weissen Vogelkäfige aus Draht und Holz, die man vielerorts sieht. Wir schlendern durch enge, winklige Gassen, durchbrochen von Treppen. Ueber dem zentralen, von Souvenirgeschäften gesäumten Hauptplatz erhebt sich das berühmte Café des Nattes, ein zwar auf Touristen ausgerichtetes, mit seiner originalen Einrichtung gleichwohl einzigartiges klassisches maurisches Kaffeehaus, welches auch für uns ein Muss darstellt. Wir entledigen uns unserer Schuhe, beobachten das emsige Treiben und geniessen dazu Tee, der hier mit 1,5 Dinar pro Glas das dreifache des üblichen Preises kostet. Etwas später bewundern wir unterhalb des Leuchtturms die unvergleichliche Rundsicht über die Bucht bis zum Cap Bon, zum Djebel Zaghouan, nach Karthago, La Goulette und hinüber nach Tunis.

Unterhalb des Café des Nattes stillen wir unseren Hunger mit feinen Crêpes, gefüllt mit Thon, und beobachten die Touristenströme.

Mit der TGM-Schnellbahn fahren wir später zurück nach Tunis und begeben uns schnurstracks in die Souks. Wir tauchen ein in das Labyrinth aus schmalen Gassen und lassen uns durch das Gewirr der schwach beleuchteten Basargänge treiben. In kleinen Läden, manchmal nur von der Grösse eines Kleiderschrankes, werden Schnitzwerk aus Olivenholz und Lederwaren angepriesen, gibt es kleine Stände mit Ohrclips aus Silber und Gold. Hier zieht ein Junge alle Aufmerksamkeit auf sich, weil er ein Muster in einen Messingteller hämmert, dort zupft ein Händler am Aermel und verweist auf ein langes Kleid, dessen goldenes Zierband sich am Hals zu Spiralen verdreht. Auch Teppiche, das typischste Produkt orientalischer Handwerkskunst, kann man bei einem Glas Pfefferminztee bewundern.

Bei inzwischen wesentlich schönerem Wetter besteigen wir um 16.30 Uhr den Zug, welcher uns zurück nach Sousse bringt.

Freitag, 6.10.00

Endlich wieder mal ein Tag, an dem sich die Sonne gegen die Wolken durchsetzt. Von Baden redet im Moment niemand, denn die Luft und der Wind sind empfindlich kühl.

Lesen, spielen und kunstvolle Sandburgen bauen sind unsere heutigen Beschäftigungen.

Nach langem Warten und Hoffen erhalten wir heute abend das OK für unsere private Saharienne mit Hassen. Nächsten Dienstag werden wir für vier Tage in Tunesiens Süden, ins Herz der Sahara, reisen.

Während wir abends im Bungalow „Phase 10“ spielen, leistet uns ein winzig kleiner Gecko an der Terrassentür Gesellschaft.

Für Thierry heisst es noch Reisetasche packen, denn morgen enden seine Ferien und er fliegt allein nach Hause.

Samstag, 7.10.00

Mit einem Bus wird Thierry beim Hotel abgeholt, wir andern besteigen in Sousse die Métro du Sahel und begleiten ihn bis zum Flughafen in Monastir. Pünktlich um 12.20 Uhr hebt seine Maschine ab, vom Städtchen aus erblicken wir sein Flugzeug hoch oben am Himmel.

Durch die ummauerte Medina hindurch gelangen wir etwas später zum Ribat, der islamischen Klosterfestung, die weithin sichtbar die Küstenlinie Monastirs beherrscht. Bei der Verteidigung des islamischen Glaubens zu sterben, galt den Mönchskriegern als ehrenvoll und wurde mit dem direkten Zugang zum Paradies belohnt. In Monastir genügten den Legenden zufolge drei Tage im Dienste des Ribat, um das selige Leben zu erlangen. Kein Wunder, dass die Festung zu einem bedeutenden Heiligtum aufstieg. Wer schon nicht in ihr wachen oder kämpfen konnte, liess sich zumindest zu ihren Füssen bestatten – daher die riesigen Dimensionen des Friedhofs mit verschiedenen alten Marabouts gegenüber dem Ribat. 1963 wurde ein Teil des Friedhofs planiert, um für das Mausoleum der Familie Bourguiba Platz zu schaffen, welches unter Verwendung kostbarster Materialien wie Gold, Marmor und kunstvollen Fayencen errichtet wurde, die so gar nicht im Einklang mit den einfachen Gräbern ringsum stehen. Seine mächtige goldene Kuppel ist weithin sichtbar. Während wir ehrfürchtig durch die Gräberreihen schreiten, werden wir durch aufgeregt gestikulierende Leute aufgefordert, sofort diese Stätte zu verlassen, denn eben beginnt eine Bestattungszeremonie.

Gleich neben dem Ribat hat die Grosse Moschee ihren Platz. Unterhalb dieser beiden Bauwerke liegt der ultramoderne Yachthafen inmitten des neuen Feriendorfs „Cap Monastir“.

In der Medina stärken wir uns sehr günstig mit Pizza, bevor wir mit der Métro du Sahel nach Sousse zurückkehren.

Sonntag, 8.10.00

Am Morgen starten wir auf eine ausgedehnte Einkaufstour und erstehen, nebst einigen kleinen Souvenirs, zwei grosse und eine kleine Trommel aus Ton. Wie wir allerdings die beiden grossen Trommeln in unser Reisegepäck verstauen werden, ist uns im Moment noch nicht klar. Jean-Claude hat in diesem Moment nur ein leichtes Kopfschütteln dafür übrig.....

Nach unserer Rückkehr ins Hotel verbringen wir noch kurze Zeit am Strand. Für unser Empfinden ist es auch heute zu kühl zum baden, nur Jean-Claude traut sich verwegen in die Fluten.

Abends ruft uns Thierry an und erzählt uns, er habe eine fürchterliche Magen-Darm-Grippe erwischt. Seine Stimme tönt ganz erbärmlich und unser aller Mitleid ist denn auch auf seiner Seite. Nicht genug, dass er schon in der kalten Schweiz hockt, nun ist er auch noch Opfer eines unbarmherzigen Virus geworden.....

Wir aber steigen ins nächste Taxi und lassen uns nach Port el Kantaoui chauffieren. Für einige Zeit tauchen wir wieder ein in den hypermodernen Hafen- und Hotelkomplex mit maurisch inspirierter Architektur und dem Gepräge einer arabischen Medina.

Montag, 9.10.00

Morgendliche Wolkenfelder geistern noch über den Himmel, doch im Verlauf des Tages wird das Wetter doch soweit schöner und vor allem wärmer, dass wir den Tag – ohne zu frieren – wieder einmal am Strand geniessen können.

Zum letzten Mal geniessen wir Pizza in „unserem“ Strandbeizli.

Abends kommt Hassen in unser Hotel, um mit uns die Abfahrtszeit für morgen früh abzumachen.

Erneut packen wir unsere Koffer.

Dienstag, 10.10.00

Frühmorgens um 6 Uhr bin ich schon mit meiner Kamera unterwegs, um den Sonnenaufgang einzufangen. Wir gehören zu den ersten Gästen im Speisesaal, die um diese Zeit frühstücken.

Um 7.30 Uhr erwartet uns Hassen mit seinem Geländewagen und wir verstauen unser Gepäck. Im Zentrum von Sousse holen wir eine Kanadierin namens Dominique ab, die mit uns auf diese Reise kommen will. Fortan werden wir also die französische Sprache üben können.

Vorbei an El Djem geht die Fahrt bis Sfax, wo wir eine Pause einlegen. Die Hitze ist eindrücklich, sie schlägt uns beim Aussteigen aus dem klimatisierten Wagen unbarmherzig entgegen. Andrea ist es schlecht, sie erholt sich aber ein wenig beim nun folgenden Bummel durch die hervorragend erhaltene Medina, die zu den sehenswertesten des Landes gehört. Die Stadt selber ist überwiegend modern und geschäftig mit europäischem Gepräge. Ausserdem ist sie Tunesiens grösstes Zentrum für die Olivenölverarbeitung sowie bedeutender Hochsee- und Fischereihafen.

Wir schlendern durch die teilweise überdachten Souks, die noch vieles der traditionellen Atmosphäre bewahrt haben. Hassen kauft auf dem Markt Kaktusfeigen und mit Hilfe von Cédric's (neuem) Sackmesser rüstet er sie für uns, wobei er sich eine tiefe Schnittwunde zufügt. Die Früchte schmecken trotzdem sehr gut. Andrea, die in dieser Hitze offenbar zuwenig getrunken hat, wird es für einen Moment schwarz vor Augen und sie fällt buchstäblich um.

Später setzen wir unsere Fahrt entlang dem Golf von Gabès fort und erreichen um die Mittagszeit Gabès, inmitten einer ausgedehnten Oase gelegen. Auch in dieser Ortschaft sind die Souks einen Augenschein wert. Hassen führt uns sodann in ein kleines, typisch tunesisches Restaurant, wo wir auf einer engen Galerie Platz zum Mittagessen finden. Während wir den uns bekannten „Salade tunésienne“ mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Thunfisch bestellen, isst Hassen den scharfen „Salade Mechouia“ aus gerösteten Tomaten, Pfefferschoten, Zwiebeln, Thunfisch und Eiern, der als pürierte, dunkle Speise serviert wird. Der nun folgende gegrillte Fisch schmeckt einfach himmlisch. Unsere beiden Kinder halten sich an Altbewährtes und schlemmen sich durch einen grossen Teller Spaghetti, allerdings mit Harissasauce gewürzt, hindurch.

Frisch gestärkt erreichen wir sodann Matmata, wo das Baby-Dromedar, diesmal ohne Touristenscharen, seinen Schoppen mit Milch gierig aussaugt. Weiter gehts durch eine grandiose Hügellandschaft, unmittelbar an der Abbruchkante des Dahar-Berglandes entlang. Es eröffnet sich uns eine grossartige Fernsicht über die Küstenebene bis hinüber zur Insel Djerba. Auf schmaler, kurvenreicher und holpriger Strasse erreichen wir das malerische, beidseits einer Schlucht gelegene Toujane, berühmt für seinen Honig und seine Webarbeiten. Kinder am Strassenrand reichen uns violettes Kraut. Andrea ist es mittlerweile so schlecht geworden, dass sie erbrechen muss. Als sie sich wieder ein wenig erholt hat, setzen wir unsere Reise fort über Beni Kheddache nach Ghomrassen.

Das Dorf zieht sich ein schmales Tal entlang, gesäumt von zahlreichen Höhlenwohnungen und Ghorfa-Komplexen. Die wegen der kargen Erträge notwendige Vorratshaltung sowie die stetige Bedrohung durch Nomadeneinfälle im Bergland haben diese charakteristische Architektur hervorgebracht. Bei der Ghorfa handelt es sich um ein langgestrecktes, ca. 8-10 m langes und ca. 3 m breites Tonnengewölbe aus Lehm, das als Vorratsspeicher und periodischer Wohnsitz einer Grossfamilie diente. Eine Ghorfa steht niemals isoliert, sondern bildet zusammen mit anderen grössere Komplexe, Ksar genannt, die sich – um verschiedene Innenhöfe gruppiert – bis zu acht Stockwerke hoch auftürmen können. Die einzelnen Einheiten sind dabei durch Treppen, Leitern und lange Gänge untereinander verbunden. Die einschneidenden Wandlungen der traditionellen Lebensformen in den letzten Jahrzehnten machte die Schutzfunktion von Ksour und Höhlenwohnungen überflüssig. Viele wurden deshalb nur noch gelegentlich als Speicher benutzt und verfielen – da aus vergänglichem Lehm erbaut – zusehends. Auch die tunesische Nationalregierung leistete mit ihren Umsiedlungsprogrammen, in deren Verlauf viele alte Bauten den Planierraupen zum Opfer fielen, einen Beitrag zur Zerstörung der traditionellen Architektur der Berber. Die Ghorfa- und Höhlenbewohner geben deshalb zunehmend ihre alten, dem Verfall ausgesetzten Siedlungen auf und ziehen – freiwillig oder unter „sanftem“ Druck – hinunter in die Täler und Ebenen, wo moderne Einheitssiedlungen entstanden sind. Trotzdem zählt das südtunesische Bergland zu den Regionen des Landes mit der höchsten Abwanderungsquote, da die wirtschaftliche Entwicklung weit hinter dem Bevölkerungswachstum und den gestiegenen Ansprüchen zurückbleibt.

Als letztes steuern wir Tataouine an. Die Stadt ist stark vom Militär geprägt und liegt an einem Durchbruchstal des Oued Tataouine durch die Dahar-Ausläufer. Sie ist der beste Ausgangspunkt für den Besuch des Dahar-Berglandes.

Im wunderschönen Hotel Mabrouk finden wir Zimmer für eine Nacht. Nach einer Dusche, die wir nach diesem heissen Tag alle sehr geniessen, und einem feinen Abendessen sitzen wir noch bis spätnachts draussen unter dem funkelnden, unendlichen Sternenhimmel.

Mittwoch, 11.10.00

Gemütlich frühstücken wir alle zusammen, lassen unser Gepäck vorerst im Hotel und begeben uns auf eine Besichtigungstour, die uns erst mal auf einen der umliegenden Hügel führt, wo ein gigantischer Dinosaurier den Ueberblick über die Dahar-Ausläufer hat.

Ein weiterer Kornspeicher-Komplex erwartet uns in El Ferech und bald schon erreichen wir das Berberdorf Chenini. Es zieht sich über zwei Bergflanken hinweg und wird überragt von der Ruine eines mächtigen Ksar. Vom Bergsattel zwischen den beiden Ortshälften grüsst eine schneeweisse Moschee, leider aber auch ein nicht gerade dekorativer Wassertank. Bereits auf dem Parkplatz am Ortseingang warten Führer, die dem Besucher ihre Dienste anbieten. Beim Aufstieg zur Moschee kommt man zu einer Oelmühle, in der noch immer ein bedauernswertes Dromedar seinen Dienst verrichten muss. Unser Führer zeigt uns anschliessend noch seine Höhlenwohnung und besteht darauf, Fotos von uns in seinem Haus zu machen.

Zum Mittagessen kehren wir zurück ins Hotel Mabrouk, wo uns köstlicher Couscous serviert wird.

Nun verlassen wir Tataouine endgültig Richtung Oase Ksar Ghilane. Die Piste windet sich aus den Bergen hinab ins Tiefland. Allmählich wird die Vegetation spärlicher, ab und zu weidet ein einsames Dromedar, ein paar Ziegen knabbern am trockenen Buschwerk. Wir stossen auf zwei Hirten, die mit ihrer Ziegenherde, Schafen und zwei Eseln bei einem Brunnen leben. Bereitwillig erklären sie uns ihre Lebensweise. Durch ihr naturverbundenes Leben sind ihre Sinne dermassen geschärft, dass sie nachts hören, wenn sich Schlangen ihrem Lager nähern, und sie rechtzeitig verjagen können.

Inmitten fast trostloser Einöde kreuzt eine schnurgerade, nach Norden ziehende „Wüstenautobahn“ unsere Piste, die sogenannte Pipeline-Piste. Sie verbindet die Oel- und Gasfördergebiete im Süden mit dem Verladehafen Skhira nördlich von Gabès. Einige Kilometer später stossen wir auf den Leclerc-Obelisken, zur Erinnerung an den Gewaltmarsch des französischen Generals Leclerc, der während des Zweiten Weltkriegs vom 2'000 km entfernten Tschad aus Truppenverstärkung für die Alliierten quer durch die Sahara in die Kampfzone an der Mareth-Linie führte.

Bald darauf ist in der Ferne das dunkle Grün der Oase Ksar Ghilane auszumachen.

Die Oase mit ihren Thermalquellen, am Rande der Dünen des Erg Oriental gelegen, ist ein Traumziel schlechthin. Während sich vor zehn Jahren nur wenige Individualtouristen im lauschigen Palmenhain ums Lagerfeuer scharten, steht die Oase heute auf jedem Programm „Landrover-Exkursionen“. Im Schatten hoher Tamarisken liegt der von zwei Cafés und einigen Souvenirläden gesäumte Thermalpool, wo wir ausgiebig baden.

Bei einer Rundfahrt mit dem Geländewagen rund um die Oase stecken wir plötzlich im Sand fest. Mit vereinten Kräften schaufeln wir die Räder wieder frei, um uns gleich danach an einem Abhang wiederzufinden, der nur in Vorwärtsrichtung zu bezwingen ist. Hassen heisst uns auszusteigen und mit viel Fingerspitzengefühl manövriert er das Fahrzeug ganz langsam und sicher die steile Sanddüne hinunter.

In einem Beduinenzelt geniessen wir später ein typisch tunesisches Mahl mit grilliertem Hammel. Der nachtschwarze Himmel über der Sandwüste ist mit Sternen übersät, bevor wir uns spätnachts, bevor die Stromaggregate abschalten, in einem Beduinenzelt unter zwei Wolldecken schlafenlegen.

Donnerstag, 12.10.00

Acht Betten mit je einer Wolldecke befinden sich in einem Zelt. Wir haben ein jedes zwei davon gebraucht, denn es war wirklich kalt in dieser Nacht. Doch so gut wie in diesem Zelt habe ich in diesen Ferien noch nie geschlafen. Als wir frühmogens Hassen wecken, liegt er auf zwei Wolldecken, die anderen sechs hat er auf sich aufgetürmt...

Nach dem Frühstück – der Himmel ist verhangen – begeben wir uns an den Rand der Oase, wo schon ein junger Kamelführer namens Ali mit vier Dromedaren auf uns wartet. Andrea reitet auf Ali Baba (9), Cédric auf dem hellen Méheri (5), mir wird Aïti (8) zugewiesen und das Dromedar von Jean-Claude heisst Guita (8). Ein unvergesslicher Ausritt beginnt.

Mit immer wieder kurzen Pausen, während derer sich die Dromedare ausruhen und wir die sagenhafte Dünenlandschaft in uns aufnehmen können, reiten wir in totaler Stille und Einsamkeit dahin. Nach ca. 5 km erreichen wir eine Wüstenfestung, die wie eine Fata Morgana über den goldgelben Dünen des Erg schwebt. Den Namen Ksar verdankt die Oase diesem Fort, welches man nur zu Fuss oder mit dem Dromedar erreichen kann. In der Festung dann die Ueberraschung: im Türsturz des Eingangs ist eine lateinische Widmung an Gott Jupiter eingemeisselt. Die Franzosen haben Ksar Ghilane offensichtlich auf den Fundamenten eines römischen Vorgängerbaus errichtet.

Hier draussen pfeift ein starker Wind und wir werden – an die Flanken unserer liegenden Dromedare gelehnt - buchstäblich eingesandet. Etwa eine Stunde vor Erreichen der Oase siegt dann die Sonne gegen den verhangenen Himmel und es wird so richtig heiss.

Während wir, noch ganz gefangen von diesem Erlebnis, im Beduinenzelt vor unserem Mittagessen sitzen, tobt draussen ein kleinerer Sandsturm.

Am Nachmittag beladen wir unser Fahrzeug und verlassen dieses unvergleichliche Fleckchen Erde Richtung Douz. Die Pipeline-Piste liegt vor uns, ca. 135 km schnurgerade, endlose Wüstenpiste. In Bir Soltane trinken wir heissen Pfefferminztee. Etwas später mündet die Piste in eine neue Asphaltstrasse, auf welcher wir dann in kurzer Zeit Douz erreichen.

In einem uns von Hassen empfohlenen Kleidergeschäft finden wir für die Kinder wunderschöne, sandfarbene Hosen und Hemden, die wir als eine von vielen Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Etwas ausserhalb von Douz, unmittelbar am Rande des Erg Oriental, liegt das Hotel El Faouar und wir quartieren uns für diese Nacht hier ein.

Die Nacht ist erhellt vom Vollmond, nur einige Wolken ziehen am Himmel vorüber. Lange noch betrachten wir im nächtlichen Wüstensand dieses Schauspiel. Wehmütig nehmen wir Abschied von dieser faszinierenden, fremdartigen und doch schon etwas vertrauten Wüste.

Freitag, 13.10.00

Unsere Mitfahrerin Dominique bleibt in Douz, um später wieder nach Tataouine zurückzukehren. Dort will sie mit ihrer eigens dafür mitgebrachten Ausrüstung mehrere Nächte Sterne beobachten.

Wir allerdings müssen den Rückweg unter die Räder nehmen.

Ein kleines Stückchen überqueren wir nochmals das Chott el Djerid, lassen Kebili hinter uns, um anschliessend über das Chott el Fedjadj zu fahren. Durch das Bergland südlich von Gafsa erstreckt sich das Phosphatgebiet und bald schon erreichen wir Gafsa. Wir besuchen die Piscines Romaines, wo eine 25 Grad warme Quelle zwei von mächtigen Quadern aus der Römerzeit eingefasste Badebecken, die durch einen kleinen Tunnel miteinander verbunden sind, speisen. Wegen Putzarbeiten befindet sich zur Zeit allerdings kein Wasser in den Becken, und entsprechend trostlos sehen sie denn auch aus.

In einem in den winkligen Gässchen versteckten einheimischen Restaurant stärken wir uns daraufhin mit einem guten Mittagessen, bevor wir – nur durch kurze Teepausen unterbrochen – die Rückfahrt diagonal durch's Land nach Sousse antreten. Während der ganzen Fahrt ist der Himmel ganz gelb vor lauter Staub und Sand, und die Luft ist ungewöhnlich heiss.

Am frühen Abend treffen wir in Sousse ein und verabschieden uns von Hassen, der uns während dieser Tage durch seine liebevolle und umsichtige Betreuung sehr ans Herz gewachsen ist, als Freunde und mit der Gewissheit, uns wiederzusehen.

Samstag, 14.10.00

Das Ende der Ferien naht. Es heisst Koffer packen (sie platzen fast aus allen Nähten mit drei Wasserflaschen voller Wüstensand; die Trommeln finden schliesslich Platz im Handgepäck) und Abschied nehmen.

Unser letztes Frühstück im Hotel, ein letzter Spaziergang am Meer, ein tränenreicher Abschied von der langhaarigen, sanftmütigen „Nicki“, und schon wartet der Bus vor dem Hotel, der uns an den Flughafen in Monastir bringt.

Ein letzter Blick über die weitläufige Küste aus der Vogelperspektive. Bald schon entschwindet Tunesien aus unserem Blickfeld und der Flugkapitän kündigt ein Gewitter über Elba an. Die Maschine sackt zweimal ruckartig in die Tiefe.

Bei ziemlich kühleren Temperaturen landen wir knappe zwei Stunden später in Zürich-Kloten.

Der einen Trommel im Gepäckfach über unseren Köpfen bekam die Turbulenzen schlecht, denn sie brach in zwei Teile, glücklicherweise ohne Scherben oder Splitter zu hinterlassen, so dass wir sie relativ gut wieder kleben konnten.

Gerne und oft geben wir uns unseren Erinnerungen an dieses wunderschöne Land extremster Gegensätze hin, die auf geheimnisvolle Art harmonisch zum Ganzen finden, den ganz besonderen, friedfertigen Charakter dieses nordafrikanischen Urlaubslandes und seiner Menschen formen und dessen Vielfalt auch weitgereiste Globetrotter zu begeistern vermag.

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